Der ERP-Experte, der eigentlich Zauberer werden wollte
Ole Schwettmann berät mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse. Dabei setzt der Spezialist für Microsoft Business Central auf eine enge Nische - und ist damit gut ausgelastet. Ein Gespräch über verschlafene Digitalisierung, KI, schlechte IT-Projekte und den Wert von Spezialisierung.
Von UNSEEN Redaktion
Ole Schwettmann weiß, wie es ist, wenn das eigene Geschäftsmodell praktisch über Nacht verschwindet. Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte der heute 43-Jährige einen Teil seines Geldes nicht mit Unternehmenssoftware verdienen, sondern mit Kartentricks und Illusionen.
Schwettmann hatte als Hobby-Zauberer angefangen. Dann kamen die ersten Buchungen, Kunden engagierten ihn ein zweites oder drittes Mal. Aus dem Hobby wurde ein Geschäft, von dem er zeitweise leben konnte. Bis Corona kam. Die Buchungen brachen weg, die IT blieb.
Heute nennt sich Schwettmann „BC Experte“. BC steht für Microsoft Dynamics 365 Business Central, eine ERP-Software für Unternehmen. Seit rund 15 Jahren beschäftigt er sich mit dem System und dessen Vorgänger Navision, seit vier Jahren arbeitet er als Freelancer. Seine Entscheidung für eine so enge Nische ist durchaus riskant. Aber genau darin sieht er den Kern seines Geschäftsmodells.
Ole, du bezeichnest dich sehr offensiv als „BC Experte“. Warum diese starke Spezialisierung?
Das ist schon eine Ansage. Wenn du sagst, du bist Experte für etwas, kommt natürlich auch die Frage: Das musst du doch können. Nach meiner Erfahrung gehört zu einem Experten aber genauso, sagen zu können: In diesem speziellen Bereich kenne ich mich nicht aus, da muss ich mich erst einarbeiten oder jemanden hinzuziehen. Ich bin eher ein Generalist innerhalb von Business Central. Aber „BC-Generalist“ klingt einfach nicht so gut.
Was machst du konkret für deine Kunden?
Wenn jemand nicht weiß, was ein ERP-System ist, erkläre ich es meistens so: Stell dir vor, du hast ein Unternehmen und möchtest möglichst alle Prozesse in einer Software abbilden - Informationen über Kunden und Lieferanten, Bestellungen, Angebote, Freigaben, Lagerbestände, Rechnungen. Mein Schwerpunkt liegt in der Vermietung von Investitionsgütern, also beispielsweise Gabelstaplern oder Arbeitsbühnen. Und gerade dort braucht Deutschland noch ziemlich viel Digitalisierung und Beratung.
Was läuft dort noch analog?
Nehmen wir die Übergabe einer Arbeitsbühne. Dabei kann es notwendig, sein nachzuweisen, dass derjenige, der sie übernimmt, auch berechtigt ist, sie zu bedienen. Früher hat man sich den entsprechenden Nachweis zeigen lassen und gesagt: Okay, habe ich gesehen. Heute kann ich diesen Prozess digital dokumentieren. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen stellen fest, dass sie bei Prozessen und Digitalisierung nicht gut genug aufgestellt sind. Viele haben in den vergangenen zehn oder 15 Jahren zu wenig investiert und merken jetzt, dass andere Unternehmen weiter sind.
Ist ein ERP-System also für jedes Unternehmen die richtige Lösung?
Nein. Schwierig wird es, wenn ein Unternehmen gar keinen Willen hat, seine Prozesse zu verändern. Eine ERP-Einführung darf nicht bedeuten, dass ich meine alten, papierbehafteten Prozesse einfach digital nachbaue. Dann hat man wenig gewonnen. Ich finde, ich habe mein Geld dann verdient, wenn die Anwender am Ende sagen: Das ist viel besser als vorher. Nicht wenn jemand im Management tolle KPIs sieht, sondern wenn die Menschen, die jeden Tag damit arbeiten, sagen: Meine Arbeit ist besser geworden.

Nun kommt KI hinzu. Wie stark verändert sie deinen Job bereits?
KI ist natürlich ein riesiges Thema. Für mich als Berater bedeutet sie zunächst einmal: Ich muss besser sein als die KI. Gleichzeitig hilft sie mir schon heute. Ich kann beispielsweise Quellcode analysieren lassen und dadurch schneller verstehen, was in einer Anwendung passiert. Auf den Tag, an dem KI einen wirklich verkopften Supportfall zuverlässig für mich löst, warte ich allerdings noch. Ich bekomme regelmäßig Halluzinationen präsentiert. Wenn man den Job lange macht, entwickelt man ein Gefühl dafür, wo die Nadel im Heuhaufen liegen könnte. Diese Erfahrung ersetzt die KI momentan nicht.
Also nimmt KI dir deinen Job nicht weg?
2026 würde ich sagen: nein. Wie das 2030 aussieht, müssen wir in einem weiteren Interview besprechen. Momentan ist die Komplexität der entscheidende Punkt.
Erlebst du trotzdem den Wunsch: Wir müssen jetzt irgendetwas mit KI machen?
KI ist inzwischen natürlich ein Buzzword. Wenn jemand sagt: „Das müsste doch mit KI gehen“, ist die Frage zunächst legitim. Aber dann muss man fragen: Was wollen wir damit eigentlich lösen? Für strukturierte Daten kann KI beispielsweise beim Matching oder beim Abgleich von Bestellungen und Preisen sinnvoll sein. Aber es ergibt keinen Sinn, KI einzuführen, nur um KI eingeführt zu haben. Es braucht einen Zweck und ein Ziel.
Unternehmen argumentieren bei Automatisierung häufig mit dem Fachkräftemangel. Ist das tatsächlich der wichtigste Treiber?
Ich höre oft: Wir müssen mehr automatisieren, weil uns die Leute fehlen. Das ist die eine Wahrheit. Die andere sind natürlich kaufmännische Gründe. Unternehmen müssen rentabler werden. Wenn Menschen nicht mehr damit beschäftigt sind, irgendwelche Rundungsdifferenzen manuell freizugeben, haben sie mehr Zeit für Aufgaben, die tatsächlich Wert für das Unternehmen schaffen.
Wie weit lässt sich das treiben?
Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Menschen, die hauptsächlich dafür da sind, ein System zu bedienen, in den nächsten Jahren rapide abnehmen wird. Wir werden nicht mehr jemanden brauchen, der eine beim Lieferanten ausgelöste Bestellung noch einmal manuell eintippt, sie per Mail verschickt, anschließend eine Auftragsbestätigung erhält und dann wieder manuell das Lieferdatum einträgt. Das wird sich ein Unternehmen über kurz oder lang auch gar nicht mehr leisten wollen.
Die IT-Branche selbst erlebt derzeit nicht überall einfache Zeiten. Du dagegen bist gut ausgelastet. Warum?
Zum Teil liegt das an meiner Spezialisierung. Gleichzeitig ist Microsoft Business Central in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Viele meiner Kunden haben außerdem noch die Migration von alten Navision-Lösungen zu Business Central vor sich. Allein dieser Bestand sorgt dafür, dass ich in den nächsten Jahren genug zu tun haben werde.

Hat die IT-Branche vielleicht auch selbst zu ihren Problemen beigetragen?
Ich glaube schon. Jeder hat inzwischen Erfahrungen mit schlechten IT-Projekten gemacht. Darunter leidet die Branche. Die IT wäre gut beraten, weniger mit Worthülsen und tollen PowerPoint-Präsentationen zu arbeiten und stattdessen mit aufrichtiger Hingabe für den Kunden. Es würde der Branche guttun, wenn nicht gefühlt jedes Projekt am Ende länger dauert als angekündigt und teurer wird als angekündigt. Das kennt wahrscheinlich jedes Unternehmen.
Deine Spezialisierung hat allerdings noch eine andere Seite: Dein Geschäft hängt stark von Microsoft ab. Macht dir das Sorgen?
Absolut. Ich hatte einmal eine Produktdemo, bei der mich am Ende jemand gefragt hat: „Herr Schwettmann, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mein Unternehmen in diesen Zeiten einem amerikanischen Cloud-Provider öffne?“ Ich konnte dem nicht wirklich etwas entgegnen, weil der Gedanke aus Sicht seiner Risikobetrachtung richtig ist. Business Central und Navision sind allerdings schon sehr lange am Markt. Natürlich bleibt eine Abhängigkeit. Das ist das Risiko, das ich eingehen muss, um Experte sein zu können. Wenn ich 20 Sachen mache, um mein Risiko zu verteilen, werde ich in nichts wirklich gut sein.
Schwettmann hat schon einmal versucht, sich in ein ganz anderes komplexes System einzuarbeiten: Politik. 2013 kandidierte er für die Piratenpartei für den Bundestag. An große Karrierechancen habe er dabei nicht geglaubt. Trotzdem sei es eine Zeit gewesen, in der er mit viel Energie dabei gewesen sei. Heute zieht er daraus eine Verbindung zu seiner Arbeit als Berater.
Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
Ich habe viel darüber gelernt, wie Systeme funktionieren, wie ein Staat und wie Verwaltung funktionieren. Die Piratenpartei war außerdem extrem divers. Das hat mich darauf trainiert, mit sehr unterschiedlichen Menschen einen Kompromiss zu finden. Das hilft mir heute tatsächlich in der Beratung: genauer hinzuschauen, wo jemand abgeholt werden muss und warum jemand so denkt, wie er denkt.
Ganz aufgegeben hat Schwettmann auch die Zauberei nicht. Bei Schulungen oder Workshops setzt er gelegentlich noch einen Trick ein - etwa nach der Mittagspause, wenn die Aufmerksamkeit im Raum nachlässt. Für ein abendfüllendes Programm würde er sich heute allerdings nicht mehr auf die Bühne stellen. Dafür fehle ihm die Übung, sagt er. Was er noch vorführt, sind Kartentricks, die er unzählige Male gemacht hat.
Auch darin steckt eine Haltung, die ziemlich genau zu seinem heutigen Geschäftsmodell passt: Wenn man etwas macht, findet Schwettmann, dann sollte man es auch gut machen. Bei der Zauberei beschränkt er sich deshalb inzwischen auf die Tricks, die er wirklich beherrscht. In seinem anderen Beruf hat er daraus gleich den Namen seines Auftritts gemacht: BC Experte.