“Die meisten Leute haben Angst, den ersten Schritt zu machen”
Jan Beuck gründete mit 21 sein erstes Unternehmen, stand wenige Jahre später kurz vor der Pleite und wurde noch vor seinem 30. Geburtstag Millionär. Heute sagt er: Deutschland habe eine „Anti-Unternehmer-Kultur“. Ein Gespräch über die Angst vorm Gründen, den Wert des Scheiterns, Oliver Samwer – und die Frage, ab wann Geld keine Rolle mehr spielt.
Von UNSEEN Redaktion
Es ist kurz vor Weihnachten 2007, als Jan Beuck seinen Mitarbeitern sagen muss, dass es nicht weitergeht. Sechs Jahre zuvor hat er mit 21 gegründet. Das Studium hat er abgebrochen, weil er irgendwann merkt: Das hier, das Gründen, „das bin ich“.
Nun steht er vor der Insolvenz. Ein bereits vereinbartes Anschlussprojekt ist kurzfristig geplatzt. Er muss die Mitarbeiter entlassen und kann sich selbst keine Weihnachtsgeschenke leisten. Heute, fast zwei Jahrzehnte später, nennt er diese Zeit ein wichtiges „Learning“. Romantisieren will er sie trotzdem nicht. „Ich hätte diese Erfahrung lieber nicht gemacht“, sagt er. Noch Jahre später habe er gedacht, dass er sich diese Episode gern erspart hätte.
Die Geschichte ist deshalb bemerkenswert, weil wenige Jahre später fast das Gegenteil passiert: Jan wird Millionär. Mit dem Browsergame-Unternehmen Playa Games gelingt ihm der Durchbruch, Oliver Samwer steigt ein. Später wird das Unternehmen an die schwedische Stillfront verkauft. Heute investiert Jan selbst und hat ein Buch über das Gründen geschrieben: „Denkst du noch oder gründest du schon?“
Seine Kernthese ist einfach: Deutschland fehlt es nicht an Ideen. Es fehlt am Machen.
Jan, warum gründen in Deutschland so wenige Menschen?
Ich denke, es ist vor allem ein Umsetzungsproblem. Die meisten Leute haben Angst, den ersten Schritt zu machen. Sie denken: Ich habe meinen Job, der ist einigermaßen sicher. Und wenn ich mich selbstständig mache – was passiert dann? Das wirkt wie ein großes Mysterium. In Amerika ist Unternehmertum eher positiv besetzt, in Deutschland ist es in erster Linie mit Angst verbunden.
Das klingt nach einem sehr deutschen Sicherheitsbedürfnis.
Das erlebe ich immer wieder. Wenn ich jemanden einstelle und frage: Möchtest du eine Beteiligung am Projekt oder lieber ein etwas höheres Gehalt, entscheiden sich sehr viele für das höhere Gehalt. Gerade erst habe ich Programmierer für ein neues Projekt gesucht und ihnen eine Firmenbeteiligung angeboten. Alle haben das kategorisch abgelehnt und wollten lieber etwas mehr Gehalt. Dabei waren das junge Männer um die 30, die weiterhin ein Gehalt bekommen hätten, von dem sie gut leben können – plus die Chance, wie ein Gründer mitzuverdienen. Das überrascht mich.
Vielleicht wollen diese Menschen schlicht nicht Unternehmer sein.
Das ist auch völlig in Ordnung. Ich habe gar nicht die Mission, dass jeder Unternehmer werden soll. Für viele Menschen ist das nicht der richtige Weg. Wenn jemand früh Kinder haben und möglichst viel Zeit mit seiner Familie verbringen möchte, ist parallel Unternehmer zu sein schwierig. Vielleicht ist dann ein Beamtenjob besser. Was ich schade finde, ist diese Anti-Unternehmer-Kultur in Deutschland.
Du machst dafür auch das Bildungssystem verantwortlich. Warum?
Lehrer bilden Lehrer aus. Viele Lehrer sind zur Schule gegangen, haben danach an der Universität ihre Ausbildung gemacht und sind anschließend wieder zurück in die Schule. Wie sollen diese Menschen Kindern vermitteln, dass es vielleicht eine gute Idee sein könnte, etwas Eigenes zu starten? Das kann man ihnen nicht einmal vorwerfen. Dafür müsste man andere Leute in die Schulen holen, Unternehmer beispielsweise.
Er würde dabei ziemlich weit gehen. Im Gespräch kommt Jan auf die unterschiedlichen Rechtsformen zu sprechen, die er auch in seinem Buch erklärt: OHG, GmbH, GmbH & Co. KG. Dinge, von denen er findet, dass sie zur Allgemeinbildung gehören sollten. Als die Frage kommt, ob das tatsächlich jeder wissen müsse, antwortet er trocken: „Sicherlich wichtiger als Latein.“
Du sagst sinngemäß: Arbeitnehmer verkaufen ihre Zeit, Unternehmer bauen Systeme. Ist das nicht eine ziemlich harte Sicht auf klassische Erwerbsarbeit?
Ich halte sie für komplett realistisch. Mein Vater ist Anwalt und wollte ursprünglich Arzt werden. Beides sind hoch angesehene Berufe, aber beide sind durch die eigene Zeit limitiert. Irgendwann ist Schluss. Wenn du dagegen eine Software entwickelst, baust du sie im Idealfall einmal und kannst sie unendlich oft verkaufen. Heute verkaufst du sie sogar als Abo und bekommst jeden Monat wieder Geld dafür.
Ist Gründen heute wirklich einfacher als vor 25 Jahren?
Ja, tendenziell schon. Die Technologie ist einfach weiter. Gerade bei KI liest man häufig die These, dass sie in den nächsten Jahren mehr neue Millionäre hervorbringen wird als das Internet in den vergangenen 20 Jahren.
Aber weil die Eintrittsbarrieren sinken, versuchen es vielleicht auch viel mehr.
Das stimmt. Deshalb muss man eine lukrative Nische finden, die nicht jeder bedienen will – vielleicht gerade weil die Eintrittshürden dort höher sind. Es gab beispielsweise im E-Health-Bereich Start-ups, die sich bewusst Themen ausgesucht haben, bei denen sie sich mit Behörden und Genehmigungen beschäftigen mussten. Gerade weil das so anstrengend war, haben andere es nicht gemacht.

2007 standest du selbst kurz vor der Insolvenz. Wie blickst du heute darauf?
Das war rückblickend ein wichtiges Learning. Einmal in einer Situation gewesen zu sein, in der man denkt: „Oh weia“, ist vielleicht gar nicht verkehrt. Das erdet. Wenn es immer nur bergauf geht, weiß man das irgendwann womöglich gar nicht mehr zu schätzen. Aber es war eine sehr harte Erfahrung. Vor allem, kurz vor Weihnachten alle Mitarbeiter entlassen zu müssen und selbst keine Geschenke kaufen zu können. Im Nachhinein hätte ich diese Erfahrung lieber nicht gemacht.
Trotz des Learnings?
Es ist schwer zu sagen, wie ich mich ohne diese Erfahrung später verhalten hätte. Inzwischen ist es für mich in Ordnung, wie es gelaufen ist. Aber ich habe noch jahrelang gedacht: Das hätte ich mir gerne erspart.
Beim Thema Risiko wird aus dem offensiven Gründer deshalb ein differenzierterer Ratgeber. Jan empfiehlt, Gesellschaftsformen zu wählen, die das Privatvermögen schützen. Wer ohne Kapital große Immobiliengeschäfte eingehe und dafür privat hafte, spiele ein anderes Spiel. „Das würde ich nicht unbedingt empfehlen“, sagt er. Und er räumt ein: Die meisten Start-ups scheitern. Sich so weit aus dem Fenster zu lehnen, dass die eigene Privatinsolvenz droht, hält er deshalb für riskant.
Als Samwer einstieg: Warst du danach wirklich Cash-Millionär oder nur auf dem Papier?
Cash. Es war ehrlich gesagt sehr unspektakulär – wir waren einfach nur Pizza essen in Berlin. Die Firma war erst wenige Monate alt und die Bewertung war im Wesentlichen eine „Bauchbewertung“. Beim späteren Verkauf an Stillfront sah das anders aus. Da war der Preis zahlengetrieben, im Wesentlichen ein Multiple auf den EBIT.
Die Firma machte damals vom ersten Monat an 200.000 Euro Umsatz und 100.000 Euro Gewinn. Wir brauchten deshalb kein zusätzliches Geld in der Firma. Also haben wir gesagt: Wir verzichten auf Gehalt und reinvestieren die Einnahmen in Werbung und Wachstum. Das Geld aus dem Anteilsverkauf bekommen wir persönlich. Das war für uns wie eine Versicherung. Wir konnten mit der Firma All-in gehen und wussten: Wenn es scheitert, haben wir das Geld, um noch einmal von vorne anzufangen.
Hat sich Millionärwerden so angefühlt, wie du es dir vorgestellt hattest?
Nein. Es war schleichend. Interessanter war, wie andere auf mich reagiert haben. Ganz lange wusste es niemand, auch meine Verwandten nicht. Ich habe weiter in einer 65-Quadratmeter-Wohnung gewohnt und an meinem Leben kaum etwas verändert. Als ich die Firma zehn Jahre später komplett verkauft habe und das durch die Medien ging, meinten alle: Jetzt wirst du dich verändern, jetzt bist du plötzlich Millionär. Dabei war ich es seit zehn Jahren und sie hatten es gar nicht gemerkt.
Überhaupt hält Jan die Million für einen überschätzten Fixpunkt. Für das persönliche Gefühl sei etwas anderes wichtiger als eine bestimmte Zahl auf dem Konto: die Richtung.
„Wenn du in einem Monat 8.000 Euro verdienst, im nächsten 9.000 und danach 10.000, wirst du wahrscheinlich sehr glücklich sein“, sagt er. Wer dagegen von 100.000 auf 90.000 und dann auf 80.000 Euro falle, wird sich trotz der viel größeren Summen schlechter fühlen. „Für Menschen ist die Richtung, in die sich alles bewegt, viel wichtiger als die absoluten Zahlen.“
Ab wann ist man für dich dann wirklich finanziell frei?
Ich würde sagen: Bei 20 Millionen Euro frei verfügbarem Vermögen.
20 Millionen Euro. Es ist eine Zahl, bei der viele Leser vermutlich schlucken werden. Aber kurz darauf wird deutlicher, dass Jan weniger an einer neuen Definition von Reichtum interessiert ist als an der Frage, was man damit macht.
Wann hast du gemerkt, dass immer mehr Geld nicht dein Ziel ist?
Das war mir schon relativ früh klar. Seit dem Verkauf meiner Firma mache ich eigentlich nur noch Dinge, die ich spannend finde. Ich kann mich um Projekte kümmern, die mich aus anderen Gründen interessieren und nicht primär aus finanziellen.
Der Exit habe an seinem Alltag erstaunlich wenig verändert, sagt Jan. Noch immer fahre er das Auto, das er fünf Jahre vor dem Verkauf gekauft habe. Verändert habe sich etwas anderes: die Ruhe. Das Tagesgeschäft mit seinen Schwankungen sei weg. Keine Sorge mehr vor dem nächsten Sommerloch, der nächsten Krise oder der Frage, ob es mit dem Unternehmen dauerhaft gutgeht. Das verschafft ihm die Freiheit, Kapital und Zeit in Dinge zu stecken, die er für sinnvoll hält. Sein erstes Investment nach dem Verkauf ging in ein Umweltschutz-Start-up. Es scheiterte. Heute unterstützt er nach eigener Aussage Gründer mit Kapital oder Rat.
Vielleicht ist das die interessanteste Volte in einem Gespräch über ein Buch, das Menschen zum Handeln bewegen will: Der Mann, der jahrelang Firmen aufgebaut hat, beschreibt Erfolg am Ende weniger als möglichst große Firma oder möglichst großes Vermögen – sondern als die Freiheit, selbst entscheiden zu können, womit man seine Zeit verbringt.