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Storys, die man nicht übersieht.

Auch heute ist die Vermittlung noch ein verbreitetes Geschäftsmodell

UNSEEN History · 3 Min.

Mr. Five Per Cent

Calouste Gulbenkian machte aus fünf Prozent eine Lebensstrategie. Sein Geschäftsmodell war denkbar einfach: Wenn andere das große Geschäft machten, wollte er einen kleinen Anteil davon. Am Ende wurde daraus ein gewaltiges Vermögen – und eine der ungewöhnlichsten Unternehmerbiografien des 20. Jahrhunderts.

Von UNSEEN Redaktion

Als das Ölgeschäft im Nahen Osten im frühen 20. Jahrhundert Fahrt aufnahm, war Gulbenkian nicht derjenige, der Bohrtürme aufstellte oder Raffinerien baute. Seine Spezialität war eine andere: Er brachte Regierungen, Banken und Ölgesellschaften an einen Tisch. Er kannte die Interessen der Beteiligten – und wusste, wie man sie miteinander vereinbarte. Für seine Vermittlungsdienste verlangte er einen Anteil. Sein berühmtester Anteil betrug fünf Prozent.

Gulbenkian wurde 1869 in Konstantinopel als Sohn einer armenischen Familie geboren. Sein Vater war Importeur und Exporteur. Der junge Calouste erhielt eine internationale Ausbildung, studierte in Marseille und anschließend in London angewandte Naturwissenschaften. Eine Reise nach Baku im Jahr 1888 sollte sein Leben prägen. Dort erlebte er die damals noch junge Ölindustrie des Russischen Reiches aus nächster Nähe. Er studierte in der Folge Fördertechnik, Raffinerien und Transport – und veröffentlichte seine Beobachtungen später in einem Buch.

Ein Prozenthandel mit Milliardenpotenzial

Eine der großen Chancen lag im Gebiet des zerfallenden Osmanischen Reiches. Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Wettlauf um die Erdölvorkommen Mesopotamiens. Gulbenkian half dabei, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen. 1912 entstand die Turkish Petroleum Company, ein Konsortium unter Beteiligung unter anderem der Deutschen Bank, Royal Dutch-Shell und der von Gulbenkian gegründeten National Bank of Turkey. Das Unternehmen erhielt schließlich die Rechte zur Ölexploration und -entwicklung in Mesopotamien.

Gulbenkian war nicht bereit, für seine Vermittlungsarbeit lediglich ein Honorar zu akzeptieren. Er wollte beteiligt sein.

1914 reduzierte er seinen ursprünglichen Anteil an der Turkish Petroleum Company auf fünf Prozent, um den Einstieg der Anglo-Persian Oil Company zu ermöglichen. Die fünf Prozent aber behielt er. Als schließlich 1935 Öl floss, war der Spitzname gefunden: „Mr. Five Per Cent“.

Der Mann zwischen den Stühlen

Gulbenkian war Geschäftsmann, aber auch Diplomat. 1909 wurde er Finanzberater der osmanischen Vertretungen in London und Paris. Ab 1920 arbeitete er als wirtschaftlicher Berater der persischen Gesandtschaft in Paris. Jahrzehntelang bewegte er sich damit in einer Welt, in der wirtschaftliche und geopolitische Interessen kaum voneinander zu trennen waren. Das machte ihn wertvoll – und gelegentlich unbequem.

Auch im Iran blieb Gulbenkian bis 1951 als Berater tätig. 1950 ließ der Schah ihn sogar um Rat fragen, wie mit der Forderung nach einer Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie umzugehen sei. Gulbenkian plädierte für eine Zusammenarbeit mit den großen internationalen Ölgesellschaften. Ein Jahr später kam Mohammad Mossadegh an die Macht und verstaatlichte die Ölindustrie; Gulbenkian verlor seine Funktion.

Seine Karriere zeigt damit auch die Grenzen seines Geschäftsmodells: Fünf Prozent und Vermittlung funktionieren nur, solange die großen Akteure bereit sind, einen Vermittler zwischen sich zu dulden.

Ein Hotelzimmer als letzte Geschäftsadresse

Der Zweite Weltkrieg brachte Gulbenkian nach Lissabon. 1942 verließ er Frankreich nach dem persischen Kriegseintritt auf alliierter Seite und floh nach Portugal. Dort bezog er das Hotel Aviz. Die portugiesische Hauptstadt war damals ein außergewöhnlicher Ort: neutral, voller Flüchtlinge, Diplomaten, Spione, Banker, Künstler und Geschäftsleute.

Gulbenkian passte in diese Stadt wie kaum ein anderer.

Während andere in Lissabon auf das nächste Schiff außer Landes oder ein Visum hofften, beschäftigte sich der inzwischen immens wohlhabende Ölmann mit Kunst. Besonders bemerkenswert: Er nutzte seinen Aufenthalt, um die Kunstsammlung des jüdischen Flüchtlings Henry Rothschild aufzukaufen.

Gulbenkian sammelte nicht beiläufig. Bis zu seinem Lebensende im Jahr 1955 trug er mehr als 6000 Objekte zusammen: Gemälde, Skulpturen, Möbel, Teppiche, Keramik, Silber, Münzen und Kunstgegenstände aus vielen Jahrhunderten und Kulturräumen. Ab 1927 wurden Teile der Sammlung in seinem Pariser Haus in der Avenue d'Iéna aufbewahrt. Das Metropolitan Museum of Art beschreibt die Sammlung als eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Fünf Prozent reichen

Gulbenkians Geschäftsmodell ist nicht verschwunden. Es hat nur neue Namen bekommen: Maklercourtage, Success Fee, Finder’s Fee, Carried Interest. Die Logik dahinter ist dieselbe. Man muss das Öl nicht besitzen. Man muss nicht bohren, bauen oder kaufen. Manchmal genügt es, zu wissen, wer mit wem ins Geschäft kommen sollte – und dafür einen Anteil zu verlangen. Heute nennt man das Vermittlung. Gulbenkian nannte es fünf Prozent.

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