Wie eine erfundene Geschichte über eine vergessene Brieftasche zur Gründungslegende von Diners Club wurde – und wie die Kreditkarte tatsächlich entstand
Es ist eine der schönsten Erzählungen der Wirtschaftsgeschichte: Ein Geschäftsmann sitzt in einem New Yorker Restaurant, bekommt die Rechnung und greift in die Tasche. Kein Geld. Keine Brieftasche. Peinlich. Seine Frau muss kommen und die Rechnung begleichen. Während er auf sie wartet, hat Frank McNamara eine Idee: Warum sollte man nicht einfach mit einer Karte bezahlen können, die von mehreren Restaurants akzeptiert wird? Ein Jahr später, so geht die Geschichte, ist die erste Kreditkarte geboren. Nur: Die Geschichte stimmt nicht.
Von UNSEEN Redaktion
Sie wurde erfunden von dem Mann, der dafür sorgen sollte, dass möglichst viele Menschen von der neuen Erfindung hören. Matty Simmons war der erste PR-Mann von Diners Club, dem seit den 1950er-Jahren etablierten Anbieter für Karten- und Zahlungslösungen. Jahrzehnte später schrieb er selbst, dass er die Geschichte von McNamaras vergessener Brieftasche erfunden hatte. Die Idee zur Karte sei McNamara tatsächlich in einem Pendlerzug gekommen.
Die perfekte PR-Geschichte
Die Legende hatte alles, was eine gute Wirtschaftsgeschichte braucht: einen genialen Einfall und ein konkretes Problem, das durch eine Erfindung gelöst wird. Vor allem aber war sie leicht zu erzählen. 1949, so lautete die Version, kam McNamara in die unangenehme Lage nicht bezahlen zu können nach seinem Restaurantbesuch. Der Unternehmer schwor sich daraufhin, nie wieder in diese Lage zu kommen. Im Februar 1950 kehrte er gemeinsam mit seinem Partner Ralph Schneider in das Restaurant zurück – diesmal mit einer kleinen Pappkarte.
Die Wirklichkeit war weniger dramatisch – aber wirtschaftlich vielleicht interessanter. McNamara beschäftigte sich mit der Frage, wie Geschäftsleute ihre Restaurantausgaben einfacher abrechnen konnten. Daraus entstand die Idee eines Systems, bei dem eine Karte bei verschiedenen Restaurants eingesetzt und die Ausgaben anschließend gesammelt abgerechnet wurden. Simmons, der zunächst selbst skeptisch war, übernahm die Öffentlichkeitsarbeit. Die ersten Karten wurden im Februar 1950, passend zur Krönung der PR-Story, ausgegeben.

Was Diners Club tatsächlich erfand
Ganz aus dem Nichts kam die Kreditkarte allerdings nicht.
Schon Jahrzehnte zuvor hatten Unternehmen ihren Kunden Kredit eingeräumt. Kaufhäuser und Mineralölgesellschaften verwendeten im frühen 20. Jahrhundert Kunden- und sogenannte Charge Cards. Diese Karten funktionierten allerdings meist nur beim jeweiligen Unternehmen. Es gab also noch kein allgemein akzeptiertes Zahlungssystem über verschiedene Händler hinweg.
Auch die Idee selbst war älter als Diners Club. Bereits 1888 beschrieb Edward Bellamy in seinem Zukunftsroman Looking Backward eine Gesellschaft, in der Menschen mit einer „Credit Card“ statt mit Bargeld bezahlen. Bellamy war damit literarisch seiner Zeit weit voraus. Ironischerweise wurde genau dieses Buch später Bestandteil der erfundenen Diners-Club-Geschichte. Diners Club brachte also nicht die erste Idee einer Zahlungskarte hervor. Die eigentliche Innovation bestand darin, ein unabhängiges Zahlungssystem über mehrere Unternehmen hinweg aufzubauen.
Die erste Diners-Club-Karte akzeptierten zu Beginn lediglich 14 New Yorker Restaurants. Das Geschäftsmodell war simpel: Kunden bekamen die Bequemlichkeit einer einzigen Monatsabrechnung, während die teilnehmenden Restaurants eine Gebühr an Diners Club zahlten. Damals lag diese Händlergebühr bei sieben Prozent. Die Karteninhaber mussten ihre Rechnung vollständig begleichen – nach heutiger Terminologie handelte es sich deshalb eher um eine Charge Card als um eine Kreditkarte. Das Konzept funktionierte. Bereits zum ersten Jahrestag meldete Diners Club über 20.000 Mitglieder. 1953 wurde die Karte international akzeptiert.
Die eigentliche Kreditkarte kam später
Die Diners-Club-Karte war der entscheidende Vorläufer der modernen Kreditkarte, aber noch nicht deren heutiges Modell. Den nächsten großen Schritt machte Bank of America 1958 mit der BankAmericard. Sie war nicht nur bei verschiedenen Händlerarten einsetzbar, sondern erlaubte erstmals in größerem Stil, Kredit über einen Zeitraum hinweg stehen zu lassen. Aus BankAmericard sollte später Visa entstehen. Im selben Jahr traten auch American Express und andere Anbieter in den Wettbewerb ein.
Die Wahrheit ist manchmal die schlechtere Schlagzeile
Die technische Innovation war eine kleine Pappkarte und ein Abrechnungssystem. Die kommunikative Innovation war eine viel größere: eine Geschichte, die aus einem unspektakulären Geschäftsproblem einen bemerkenswerten Geistesblitz machte. Ausgerechnet die Erfindung, die das Bargeld überflüssiger machen sollte, brauchte also zunächst selbst eine Erfindung. Und vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe der Geschichte: Diners Club musste nicht nur einen neuen Zahlungsweg verkaufen. Das Unternehmen musste den Menschen zunächst eine Geschichte verkaufen, warum sie ihn überhaupt brauchen.