Geld allein reicht nicht
Jonas Anker über Investments abseits der Börse, warum Zugang im Private Market wichtiger sein kann als Kapital – und weshalb selbst er nicht empfiehlt, Aktien und Immobilien einfach zu ersetzen.
Von UNSEEN Redaktion
Jonas, stellen wir uns einen Unternehmer vor, der gerade seine Firma verkauft hat und plötzlich fünf Millionen Euro liquide hat. Warum sollte er damit zu dir kommen, statt Immobilien zu kaufen oder das Geld in ETFs und Aktien zu stecken?
Ich würde das gar nicht als Entweder-oder betrachten. Private Markets sind für mich ein Teil einer übergeordneten Asset-Management-Strategie. Diversifikation ist einer der wichtigsten Grundsätze beim Investieren – und genau da kommen Private Markets ins Spiel.
Was bekomme ich dort, was ich an der Börse nicht bekomme?
Die Möglichkeit, Alpha zu generieren. Im Private Market sind Renditen möglich, die du im Public Market nur sehr selten siehst. Bei meinem ersten Unicorn, das ich aktiv mit aufgebaut habe, habe ich auf mein ursprüngliches Investment ungefähr das Hundertfache gemacht. Solche Ergebnisse sind natürlich nicht der Normalfall. Aber diese Asymmetrie ist genau das, wonach ich suche.
Anker Capital schaut sich nach deinen Angaben mehr als 500 Deals pro Jahr an und investiert am Ende nur in ein bis drei. Warum so wenige?
Wir sind extrem fokussiert auf High-Conviction-Investments. Ich suche nach einem asymmetrischen Verhältnis von Chance und Risiko. Und wenn wir eine solche Situation nicht finden, versuchen wir teilweise, sie selbst zu schaffen – indem wir Unternehmen strukturieren oder sogar selbst inkubieren.
Das klingt weniger nach einem klassischen Fondsmanager und mehr nach einem Unternehmer, der zufällig auch investiert.
Genau. Ich nenne das einen „Entrepreneurial Investment Style“. Ich habe selbst Unternehmen gegründet und aufgebaut. Diese Erfahrung bringe ich in die Firmen ein, in die ich investiere. Ich sehe mich deshalb als Value Investor für Private Markets. Vereinfacht gesagt suche ich nach Unternehmen, die noch nicht ihr volles Potenzial erreicht haben – und versuche anschließend aktiv dabei zu helfen, diesen Wert zu realisieren.
Warum brauche ich dafür dich? Mit fünf Millionen Euro könnte ich schließlich auch selbst anfangen, Start-ups und Beteiligungen zu suchen.
Geld allein verschafft dir nicht automatisch Zugang. Gerade die attraktivsten Unternehmen können sich ihre Investoren aussuchen. Dort zählen Netzwerk, Reputation und der Mehrwert, den du als Investor zusätzlich zum Kapital mitbringst. Dieses Netzwerk habe ich über mehr als zehn Jahre aufgebaut.

Das heißt, der Investor kauft bei dir nicht nur eine Renditechance, sondern vor allem Access?
Beides. Access ist in diesem Geschäft unglaublich wichtig. Der entscheidende Punkt ist: Du musst überhaupt erst einmal die Möglichkeit bekommen, bei bestimmten Unternehmen oder gemeinsam mit bestimmten Investoren am Tisch zu sitzen.
Reden wir über Rendite. Was kann ein Investor erwarten?
Niemand kann zukünftige Renditen versprechen. Wer das tut, vor dem sollte man sich hüten. Aber selbstverständlich arbeiten wir mit Zielvorstellungen. Mein Ziel ist, Investments von Kunden innerhalb von zwei bis drei Jahren verdoppeln zu können – und zwar nicht nur auf dem Papier. Wir beschäftigen uns deshalb auch aktiv mit Sekundärmarkttransaktionen.
Gleichzeitig sprichst du bei Early-Stage-Investments von 10x und teilweise sogar 50x oder 100x. Das klingt nach enormem Risiko.
Die Risikoprofile sind sehr unterschiedlich. Bei Early Stage suche ich bewusst nach 10x-plus-Potenzial. Bei anderen Investments liegen die Zielvorstellungen niedriger. Late-Stage- oder Pre-IPO-Unternehmen sind beispielsweise bereits wesentlich weiter entwickelt. Deshalb muss man verschiedene Investments innerhalb des Portfolios unterschiedlich betrachten.
Du sagst gleichzeitig, in mehr als zehn Jahren nur einen Konkurs in deinem Portfolio gehabt zu haben. Wie passt das zu Venture Capital?
Weil unser Ansatz nicht dem klassischen Spray-and-Pray-Modell entspricht. Wir investieren sehr selektiv und arbeiten aktiv mit den Unternehmen. Stand heute haben wir mehrere erfolgreiche Exits realisiert und einen Konkurs erlebt. Genau diese geringe Ausfallquote ist ein wesentlicher Teil unseres Ansatzes.
Und ausgerechnet dieser eine Konkurs zeigt doch, dass du auch mit der besten Analyse nicht alles kontrollieren kannst.
Absolut. Glück und Timing spielen immer eine Rolle. Unser Konkurs war eine Folge des Ukrainekriegs. Ich habe dadurch selbst viel Geld verloren. Solche Black-Swan-Ereignisse kannst du nicht vorhersagen. Du kannst aber versuchen, Unternehmen so aufzustellen, dass sie möglichst wenig fragil sind, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.

Was hast du daraus verändert?
Ein großes Learning war für mich, hohe Burn Rates möglichst zu vermeiden. In den Jahren davor ging es im Venture Capital sehr stark um Wachstum. Heute achte ich wesentlich stärker darauf, dass Unternehmen wirtschaftlich robust aufgestellt sind. Viele unserer Investments sind profitabel. Das unterscheidet unseren Ansatz auch von klassischem Venture Capital.
Du redest auffällig viel über Risiko für jemanden, der Investments mit 10x-Potenzial sucht.
Weil das letztlich mein Job ist. Mein Business ist Risk Mitigation: Risiken analysieren, verstehen und anschließend reduzieren – durch die richtigen Menschen, Kapital, Partnerschaften und Board Members.
Wie entscheidest du eigentlich, wo du investierst?
Ich konzentriere mich auf Märkte, die ich verstehe und in denen ich ein Netzwerk habe: DACH, Großbritannien, USA und Middle East. Aber letztlich ist weniger entscheidend, wo man investiert, sondern in wen und mit wem. Am Ende investierst du in Menschen.
Du hast dein erstes Unicorn sehr früh gefunden. Wie?
Über meinen damaligen CFO habe ich 2016 zwei schwedische Serial Entrepreneurs kennengelernt. Sie bauten eine Big-Data-Company für die Musikindustrie. Ich war jung, hatte weder viel Kapital noch einen großen Track Record. Aber ich habe investiert und aktiv geholfen, das Unternehmen aufzubauen. 2022 wurde daraus mein erstes Unicorn.
Wie oft kann man so einen Treffer überhaupt wiederholen?
Das weiß niemand. Mein persönliches Ziel ist, ungefähr alle fünf bis sieben Jahre wieder ein Unicorn im Portfolio zu haben. Mit einem besseren Netzwerk und besserem Zugang sollte zumindest die Chance steigen, früh auf außergewöhnliche Unternehmen zu treffen.
Dann noch einmal zurück zu unserem Unternehmer mit den fünf Millionen Euro. Soll der jetzt sein Depot verkaufen und seine Immobilien loswerden?
Nein. Genau das wäre die falsche Schlussfolgerung. Private Markets sind ein Baustein eines diversifizierten Portfolios. Es geht nicht darum, alles auf eine Karte zu setzen. Es geht darum, Zugang zu einer Assetklasse zu schaffen, die viele Privatinvestoren in ihrem Portfolio bislang kaum abbilden.