Die neue Rüstungswirtschaft: Deutschlands Branche im Aufschwung
Rheinmetall, Hensoldt, TKMS und Renk gehören zu den Namen, die den deutschen Rüstungsboom sichtbar machen. Ihre Fabriken werden ausgebaut, Auftragsbücher wachsen, neue Mitarbeiter werden eingestellt. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich die deutsche Verteidigungsindustrie von einer lange eher randständigen Branche zu einem strategischen Industriezweig entwickelt. Der Krieg in der Ukraine, der Krieg in Gaza seit 2023 und die zunehmenden Spannungen und Konflikte im Nahen Osten haben die Nachfrage nach Waffen, Munition, Luftverteidigung und militärischer Elektronik weiter erhöht.
Von UNSEEN Redaktion
Dabei ist der Aufschwung nicht nur ein deutsches Phänomen. Er ist Teil einer internationalen Aufrüstungswelle. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI registriert für den Zeitraum 2021 bis 2025 einen Anstieg der weltweiten Transfers großer Waffensysteme um 9,2 Prozent gegenüber den Jahren 2016 bis 2020. Besonders stark ist die Entwicklung in Europa: Die europäischen Staaten haben ihre Waffenimporte mehr als verdreifacht und waren damit die weltweit größte Importregion. Ihr Anteil an den globalen Waffenimporten lag zuletzt bei 33 Prozent.
Deutschland ist dabei nicht nur Käufer, sondern auch Produzent und Exporteur. Deutschland ist inzwischen weltweit viertgrößter Exporteur großer Waffen. Auf Deutschland entfielen 5,7 Prozent der weltweiten Waffenexporte. Fast ein Viertel der deutschen Exporte ging zwischen 2021 und 2025 als Unterstützung an die Ukraine, weitere 17 Prozent an andere europäische Staaten. Zugleich zeigt der internationale Vergleich, wie stark die Branche inzwischen global verflochten ist: Frankreich, Italien, Großbritannien, die USA und Deutschland stehen in Konkurrenz, arbeiten aber bei zahlreichen europäischen Rüstungsprojekten auch zusammen.
Vom Sondervermögen zum langfristigen Geschäft
Der entscheidende deutsche Impuls kam 2022 mit dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr. Es sollte die jahrzehntelangen Investitionslücken bei der Ausstattung der Streitkräfte schließen. Inzwischen geht es längst um eine wesentlich größere Dimension. Für 2026 stehen im regulären Verteidigungshaushalt 82,7 Milliarden Euro bereit, hinzu kommen 25,5 Milliarden Euro aus dem Bundeswehr-Sondervermögen. Für 2027 sind nach den aktuellen Haushaltsplänen knapp 140 Milliarden Euro Verteidigungsausgaben vorgesehen; rund 30 Milliarden Euro davon sollen aus dem Sondervermögen kommen.
Die Bedeutung der Rüstung für die deutsche Konjunktur nimmt derweil sichtbar zu. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat am 17. September seine Wachstumsprognose für Deutschland 2026 von 0,6 auf 1,3 Prozent mehr als verdoppelt. Neben überraschend starken Exporten nennt das Institut ausdrücklich die höheren staatlichen Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur als Wachstumstreiber. Allein der staatliche Konsum soll 0,7 Prozentpunkte zum diesjährigen Wachstum beitragen, unter anderem wegen zusätzlicher Ausgaben für Streitkräfte und Munition.

Mehr Beschäftigte, aber weiterhin kleine Branche
Auch am Arbeitsmarkt hinterlässt der Boom Spuren. Die Zahl der Beschäftigten ist deutlich gestiegen, wobei die genaue Größe der Branche davon abhängt, welche Unternehmen und Tätigkeiten man der Rüstung zurechnet. Nach einer Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft arbeiten bei den klassischen Endherstellern wie Rheinmetall, KNDS, TKMS und Diehl inzwischen rund 60.000 Menschen in Deutschland. Einschließlich der Zulieferer sind es etwa 150.000. Rechnet man Bereiche wie Elektronik, Cyberabwehr und militärisch genutzte Dual-Use-Produkte hinzu, liegt die Zahl sogar bei 200.000 bis 250.000 Beschäftigten.
Für die Gesamtwirtschaft bleibt die Branche dennoch vergleichsweise klein. Der Rüstungsboom kann deshalb industrielle Kapazitäten, Investitionen und Beschäftigung erhöhen, er kann aber nicht ohne Weiteres die Probleme anderer großer deutscher Industriezweige kompensieren. Interessant ist vielmehr die zunehmende Verbindung mit der übrigen Industrie: Maschinenbauer, Elektronikunternehmen, Autozulieferer und Werften können ihre Kompetenzen teilweise für militärische Produkte einsetzen.
Das macht den aktuellen Aufschwung strukturell anders als frühere Rüstungszyklen. Es geht nicht nur um mehr Panzer, Flugzeuge oder Munition. Gefragt sind auch Kommunikationssysteme, Cyberabwehr und künstliche Intelligenz. Der Krieg in der Ukraine hat dabei gezeigt, wie schnell sich militärische Technologien verändern können.
Für die deutsche Rüstungsindustrie bedeutet das einen ungewöhnlich langen Planungshorizont. Die Aufträge der vergangenen Jahre füllen die Bücher, der Staat stellt weitere Milliarden bereit und Europas Bedarf wächst. Gleichzeitig bleiben Kapazitätsengpässe, Fachkräftemangel und die Frage, wie die hohen Ausgaben langfristig finanziert werden, die entscheidenden Unsicherheiten.
Der Boom ist damit mehr als ein kurzfristiger Konjunktureffekt. Er markiert den Aufbau einer neuen industriellen Nachfrage in Deutschland und Europa. Ob daraus ein dauerhaft großer Wirtschaftszweig entsteht, wird allerdings weniger an den Aktienkursen von Rheinmetall und Hensoldt entschieden als an der Frage, ob Staaten ihre neuen Verteidigungsbudgets über Jahre in verbindliche Bestellungen und Investitionen in technologische Weiterentwicklung übersetzen.