Die KI-FOBO – werden wir obsolet oder effizienter?
FOBO – die „Fear of Becoming Obsolete“ – beschreibt eine der großen Ängste der KI-Ära: die Sorge, durch Technologie beruflich überflüssig zu werden. Doch eine aktuelle Studie aus Deutschland liefert einen überraschenden Gegenakzent. Sie deutet darauf hin, dass KI und Automatisierung nicht zwangsläufig mehr Stress erzeugen. Für Führungskräfte steckt darin eine wichtige Managementaufgabe.
Von UNSEEN Redaktion
Künstliche Intelligenz verändert Arbeit schneller, als viele Organisationen ihre Strukturen verändern können. Mitarbeitende erleben neue Tools, automatisierte Prozesse und veränderte Rollen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass die eigenen Fähigkeiten an Wert verlieren oder der eigene Arbeitsplatz irgendwann nicht mehr gebraucht wird. Diese Angst wird als FOBO – Fear of Becoming Obsolete bezeichnet. Sie kann sich unter anderem in Unsicherheit, Vermeidungsverhalten gegenüber neuen Technologien und dem Gefühl äußern, den Anschluss zu verlieren.
Für das Management entsteht dadurch ein scheinbares Paradox: Unternehmen investieren in KI, um Produktivität und Effizienz zu steigern. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass genau diese Transformation zusätzlichen psychischen Druck erzeugt.
Doch möglicherweise ist das Bild differenzierter.
Die Studie „Artificial Intelligence and Worker Stress: Evidence from Germany“ von Michael Koch und Magnus Lodefalk untersucht den Zusammenhang zwischen Technologieeinsatz und Arbeitsstress. Dafür wurden Daten der repräsentativen deutschen BIBB-BAuA-Erwerbstätigenbefragung des Bundesinstitutes für Berufsbildung aus den Jahren 2012 und 2018 mit Messgrößen zur KI- und Roboterexposition verschiedener Berufe kombiniert. Das zentrale Ergebnis: Beschäftigte in stärker von KI und Robotik betroffenen Tätigkeiten berichten tendenziell weniger zunehmenden Arbeitsstress.
Das Ergebnis ist deshalb bemerkenswert, weil technologische Veränderungen häufig zunächst mit Kontrollverlust, Arbeitsplatzunsicherheit und höherem Veränderungsdruck verbunden werden. Die Autoren finden jedoch einen negativen Zusammenhang zwischen Technologieexposition und der Wahrscheinlichkeit, dass Beschäftigte eine Zunahme von Stress und Arbeitsdruck angeben. Dieser Zusammenhang zeigt sich insbesondere bei Beschäftigten in Unternehmen, die tatsächlich neue Technologien eingeführt haben.
Wichtig ist allerdings die Einordnung: Die Untersuchung weist einen statistischen Zusammenhang nach und liefert Hinweise auf mögliche Mechanismen. Sie beweist nicht, dass KI automatisch Stress reduziert. Zudem beziehen sich die untersuchten Befragungswellen auf 2012 und 2018 – also auf eine Phase, in der generative KI noch eine andere Rolle als heute spielte.

Warum Technologie entlasten kann
Eine Erklärung liegt in der Veränderung der Aufgaben. KI und Robotik übernehmen nicht einfach komplette Berufe. Sie verändern vor allem einzelne Tätigkeiten innerhalb eines Jobs. Routineaufgaben können automatisiert, Informationen schneller verarbeitet und Beschäftigte bei Entscheidungen unterstützt werden.
Dadurch kann sich der Charakter der Arbeit verschieben: Weniger repetitive Tätigkeiten stehen möglicherweise mehr neuen, komplexeren oder kreativeren Aufgaben gegenüber.
Genau hier finden Koch und Lodefalk einen interessanten Zusammenhang. Die stressreduzierende Beziehung zu neuen Technologien ist insbesondere bei Beschäftigten ausgeprägt, die mit neuen Aufgaben konfrontiert sind.
Für Führungskräfte ist das relevant. Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur, welche Aufgaben automatisiert werden können, sondern ebenso, welche Arbeit danach für Menschen übrig bleibt – und wie sie gestaltet werden sollte. Damit verschiebt sich die Perspektive von Technologie auf Organisationsdesign. Eine KI-Einführung kann zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen erzeugen.
Im ersten Szenario wird Technologie primär als Kostensenkungsinstrument eingesetzt. Prozesse werden automatisiert, Leistung wird stärker gemessen und die verbleibenden Beschäftigten müssen mit höherem Tempo mehr Aufgaben bewältigen oder werden gar von KI-Modellen für automatisierbare Lösungen abgelöst. Dann kann Technologie tatsächlich zusätzlichen Druck erzeugen.
Im zweiten Szenario übernimmt Technologie vor allem repetitive und zeitaufwendige Tätigkeiten. Mitarbeitende gewinnen Handlungsspielräume und können sich stärker auf anspruchsvollere Aufgaben konzentrieren. Technologie wird zur Ressource statt zur Bedrohung.
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass insbesondere dieser zweite Mechanismus eine Rolle spielen kann. Bei KI ist der Zusammenhang mit geringerem Stress unter anderem bei komplexeren Tätigkeiten sichtbar.
Mit den neuen Erkenntnissen bekommt die FOBO-Debatte eine neue Perspektive. Die Angst vor beruflicher Überflüssigkeit lässt sich nicht allein durch mehr Kommunikation beseitigen. Unternehmen müssen glaubwürdige Antworten darauf geben, wie Menschen in einer zunehmend automatisierten Arbeitswelt weiterhin Wert schaffen können – und welche Fähigkeiten sie dafür benötigen. Genau dort entscheidet sich möglicherweise, ob KI zum Stressverstärker wird – oder zum Werkzeug, das Menschen von einem Teil des Arbeitsdrucks befreit.