Der neue Gründergeist
Deutschland entdeckt das Unternehmertum neu. Lange galt die Bundesrepublik als Land, in dem Sicherheit höher geschätzt wird als das Risiko einer eigenen Firma. Die jüngsten Zahlen zeichnen ein differenzierteres Bild: Die Zahl der Menschen, die ein Unternehmen gründen, steigt, die Gründerszene wird jünger und neue Technologien eröffnen Geschäftsfelder in einem Tempo, das vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre.
Von UNSEEN Redaktion
2025 machten sich in Deutschland rund 690.000 Menschen selbstständig. Das waren etwa 105.000 mehr als im Vorjahr. Besonders kräftig wuchs die Zahl der Gründungen im Nebenerwerb: Sie stieg von 382.000 auf 483.000. Die Zahl der Vollerwerbsgründungen blieb mit 206.000 nahezu konstant.
Gerade der starke Zuwachs im Nebenerwerb ist wirtschaftlich interessant. Unternehmertum beginnt heute für viele nicht mehr mit dem vollständigen Bruch mit dem bisherigen Berufsleben. Eine Idee lässt sich zunächst neben dem Job testen, ein Geschäftsmodell schrittweise entwickeln und ein Kundenstamm aufbauen. Die Schwelle zwischen Angestelltenverhältnis und Selbstständigkeit wird dadurch durchlässiger.
Auch die Generationenfrage verschiebt sich. Das Durchschnittsalter der Gründerinnen und Gründer lag 2025 laut KfW bei 34,2 Jahren. 40 Prozent waren jünger als 30 Jahre. Mehr als ein Fünftel der jungen Gründerinnen und Gründer startete direkt aus dem Studium heraus. Unter den unter 30-Jährigen erklärten zudem 36 Prozent, dass sie lieber selbstständig als angestellt arbeiten. Im Bevölkerungsdurchschnitt waren es 26 Prozent.
Das ist ein bemerkenswerter Wandel des beruflichen Selbstverständnisses. Unternehmertum erscheint für eine wachsende Zahl junger Menschen nicht mehr als Lebensentscheidung am Ende einer Karriere, sondern als Option am Anfang. Hochschulen werden zu Orten, an denen nicht nur Wissen erworben, sondern auch Geschäftsmodelle entwickelt werden. Digitale Werkzeuge wiederum ermöglichen es, mit vergleichsweise geringem Kapital erste Produkte zu bauen, Märkte zu testen und Kunden zu erreichen.
Hinzu kommt eine zunehmende Vielfalt der Gründerlandschaft. Nach dem KfW-Gründungsmonitor hatten 2025 34 Prozent der Gründerinnen und Gründer eine Einwanderungsgeschichte. Unternehmertum wird damit auch zu einem Ausdruck wirtschaftlicher Teilhabe: Unterschiedliche berufliche Erfahrungen, kulturelle Hintergründe und Netzwerke fließen in neue Unternehmen und Geschäftsmodelle ein.

Besonders interessant ist schließlich die technologische Durchdringung der klassischen Gründerszene. 44 Prozent der Existenzgründungen des Jahres 2025 basierten auf digitalen Angeboten – ein neuer Höchstwert. Damit verändert Digitalisierung nicht nur bestehende Unternehmen, sondern bereits den Ausgangspunkt vieler neuer.
Natürlich ist eine hohe Zahl von Gründungen noch kein Beweis dafür, dass aus jeder Idee ein dauerhaft erfolgreiches Unternehmen wird. Der Weg von der Gründung zum Wachstum bleibt anspruchsvoll. Der Startup-Verband weist deshalb selbst auf die Bedeutung ausreichenden Kapitals hin. Deutschland zählt inzwischen 36 Startups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar; zugleich werden deutsche Unternehmen weiterhin von internationalen Konzernen übernommen.
Doch gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung des aktuellen Gründungsbooms: Wirtschaftliche Erneuerung beginnt nicht erst mit dem nächsten großen Konzern. Sie beginnt mit Menschen, die eine Marktlücke erkennen, eine Technologie ausprobieren, ein Problem lösen oder schlicht davon überzeugt sind, etwas besser machen zu können.
Die aktuellen Zahlen zeigen, dass diese Bereitschaft in Deutschland vorhanden ist. Junge Gründer, digitale Geschäftsmodelle, KI-Anwendungen und neue industrielle Unternehmen bilden ein Ökosystem, das wirtschaftliche Veränderung nicht nur begleitet, sondern selbst hervorbringen kann.
Unternehmertum ist deshalb mehr als die Suche nach dem nächsten Unicorn. Es ist eine Form wirtschaftlicher Zuversicht: die Bereitschaft, aus einer Idee ein Produkt, aus einem Problem eine Lösung und aus einer Möglichkeit ein Unternehmen zu machen. Deutschland hat davon offenbar mehr, als es sich lange selbst zugetraut hat